Es braucht einen massiven Schub nach vorn – Digitale Inklusion und Chancengleichheit

Erschienen März 2017 – SHE works!

Inklusion, ein aktuell oft genutztes Buzzword in Zusammenhang mit der Digitalisierung. „Es geht bei der digitalen Inklusion um den uneingeschränkten Zugang, die Nutzung und die digitale Kompetenz im Einsatz von IT-Medien“, erklärt Prof. Barbara Schwarze, Professorin für Gender und Diversity Studies an der Hochschule Osnabrück. Und zwar für Jede und Jeden, unabhängig von privaten oder beruflichen Kenntnissen und Erfahrungen, Alter, körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Daraus ergeben sich allerdings viele Fragen, zum Beispiel: Was nützt es, barrierefreie Zugänge zu digitalen Informationen zur Verfügung zu stellen, wenn die technische Kompetenz von Nutzerinnen und Nutzern mit der Entwicklung nicht Schritt hält? Und das, wenn sich trotz der Forderung nach Informationsverfügbarkeit für alle zwischen den Geschlechtern ein deutlicher Graben in digitaler Kompetenz auftut?

So gibt es zwischen weiblichen und männlichen Nutzern bis heute einen deutlichen Unterschied. Denn viele Frauen verfügen zwar über ein Grundwissen in Sachen Digitalisierung, doch vertiefenden Weiterbildungen und Qualifizierungen stehen sie ablehnend gegenüber, was sie beruflich schnell aufs Abstellgleis bringen kann. „Gerade in den Branchen, in denen viele Frauen arbeiten, wie in Banken, Versicherungen und im Büro greift die digitale Entwicklung immer stärker in Arbeitsabläufe ein. Wer hier nicht konsequent eine Weiterbildung einfordert, steht im schlimmsten Fall ohne Job da“.

Und es geht weiter. Das Internet vermittelt Wissen und kann so Bildungsunterschiede deutlich verringern. Doch wie soll das funktionieren, wenn das Wissen über die kompetente Nutzung fehlt? Björn Stecher, Leiter für digitale Innovationen bei der Initiative D21, einem Netzwerk, das sich für digitale Bildung in Deutschland einsetzt, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Nur, weil beispielsweise Studenten auf der Welt Zugang zum Internet bekommen, wissen sie nicht, wie sie es bedienen und für sich nutzen können“. Oder anders: Nur, weil jemand ein Smartphone besitze, wisse er nicht, wie er passende Bildungsangebote finden und diese nutzen könne. Der Zugang zum Internet und damit zu Wissen sei deshalb ein wichtiger Schritt, um Bildungsunterschiede auch international zu verringern. Gänzlich schließen lasse sich die Bildungskluft dadurch nicht.

Wie sieht es also aus mit der Chancengleichheit in der digitalen Welt? W20, das Dialogforum, das sich für die wirtschaftliche Stärkung von Frauen im Rahmen der G20 einsetzt, hat die Arbeit aufgenommen, um genau hier nachzuhaken. Ihr Ziel: die wirtschaftliche Stärkung von Frauen zu einem integralen Bestandteil der G20-Prozesse werden zu lassen.

Alte Ungleichheiten mitgenommen

Was ins Auge fällt: Die alten Ungleichheiten der analogen Welt sind in die digitale Welt übernommen worden. „In vielen Bereichen gibt es keine Gleichstellung der Frauen“, so Schwarze, „überlegen Sie, wie diejenigen, die beispielsweise überwiegend für das private Leben zuständig sind in die digitale Entwicklung des Smart Homes eingebunden wurden? Gar nicht“. Das Smart Home wurde deshalb lange Zeit auch nicht so angenommen wie ursprünglich gedacht. Die Tools seien zu wenig auf die Nutzungserfahrungen in den privaten Haushalten abgestimmt worden. Es fehlt an Austausch und dem Einbinden von vorhandenem Wissen in die Entwicklung der Digitalisierung. „Es gab einen Test zwischen Bibliothekarinnen und den sogenannten Digital Natives. Beide Gruppen bekamen ein Thema für das sie im Internet Informationen suchen sollten. Die Gruppe der Bibliothekarinnen kam schneller und substantieller zum Ziel“, beschreibt Schwarze. Dieses Erfahrungswissen müsse in den Transformationsprozess einfließen, um eine Chancengleichheit herzustellen.

Und hier genau fehlt es an Anreizen. Politik und Gesellschaft müssten verstärkt Programme anbieten, die zur Weiterbildung ermutigen und stärken. „Arbeitgeber und Unternehmen sind gefragt, sich stärker in die Digitalisierungsprozesse einzubringen und für mehr Chancengleichheit zu sorgen“, betont Schwarze. Sie vermisst aber auch den Wunsch der Frauen, sich selbstbewusst zu positionieren und die Ausstattung mit digitalen Geräten am Arbeitsplatz und eine Vermittlung von Kompetenzen einzufordern: „Ich erfahre aus Unternehmen eher eine Haltung, die sagt, ich will das gar nicht. Dies gilt es konsequent zu verändern“. Chancengleichheit sei als Thema für die digitale Transformation wahrscheinlich nicht „sexy“ genug. „Wir müssen aber ganz bewusst, methodisch und mit ausreichend finanziellen Mitteln an das Problem herangehen, um nicht wieder große Gruppen der Bevölkerung – insbesondere auch Frauen – von den dynamischen Digitalisierungsprozessen abzuhängen. Wir müssen die Erfahrungen mit dem Einbruch des Anteils an Frauen in der Informatik und in den Informatikberufen nach dem Zusammenfall der ersten „Internetblase“ ab dem Jahr 2002 nutzen und jetzt handeln“.

Gab zunächst noch das Interesse mitzugestalten, zogen sich Frauen im Laufe der Zeit aus Branchen und Bereichen wie der Programmierung und der Informationstechnik zurück und überließen ihren männlichen Kollegen das Feld. Erst in den letzten Jahren haben die Initiativen für mehr Frauen in den akademischen IT- und Technikstudiengängen wieder deutliche Erfolge gezeigt. Die Digitalisierung erfasst jedoch zukünftig viele Ausbildungen und Berufe.

„Um gerade hier insbesondere für die Frauen aufzuschließen, müssen wir bereits im Grundschulalter beginnen die Kinder mit der Digitalisierung vertraut zu machen und dies bewusst geschlechtergerecht in den weiteren Schulstufen fortsetzen.“

Was fehlt seien finanzielle Mittel, um die Ungleichheiten auszubügeln: „Parallel zu den Finanzen für Forschung und Technologieentwicklung muss mehr Geld in Projekte zur Stärkung von Frauen in Weiterbildung und Qualifizierung fließen“, kritisiert Schwarze. Deshalb sieht sie die Arbeit von W20 und das Engagement von VdU und Frauenrat als absolut positiv. „Wir müssen weiter mutig anpacken und die Gefahr digitaler Diskriminierung aufzeigen“. Was sie sich dann erhofft? Eine machtvolle Bewegung, die die Gleichstellung bei der digitalen Kompetenz, der Nutzung und des Zugangs erreicht.