Mo Asumang – Die Morddrohung war wie ein Motor für mich

Erschienen September 2016 – TagesSatz Göttingen

Sie war die erste afrodeutsche TV-Moderatorin. Als solche bekam Mo Asumang eine Morddrohung aus der rechten Szene. Der Grund, dass sie sich direkt und persönlich mit dem Thema Rechtsradikalismus gewidmet hat. Die gebürtige Kasselerin hat ein Buch darüber heraus gebracht „Mo und die Arier“.

Geboren wurden Sie in Kassel mit einer deutschen Mutter und einem Vater aus Ghana, aufgewachsen sind Sie bei Ihrer Großmutter und in einer Pflegefamilie. Gab es bereits in Ihrer Kindheit rassistische Vorfälle?

Ja, meine Mutter, meine Oma und ich wurden aus dem Haus rausgeworfen. Sie hatten dort viele Jahre glücklich gelebt, aber dann kam mein Vater aus Ghana und ich mit der schwarzen Hautfarbe, da mussten wir da raus. Dieses Ereignis hat sich tief in meinem Unterbewusstsein eingenistet und ich dachte fast meine ganze Kindheit – ich bin schuld!

Sie beschreiben gleich zu Beginn des Buches ein sehr einschneidendes Erlebnis, ein Nazi-Lied, das auf sie getextet wurde und Ihren Tod beinhaltet. Eine Erfahrung, die die wenigsten von uns bislang gemacht haben. Was passiert, wenn die erste Angst, das erste Entsetzen über so etwas abgeklungen ist?

Ehrlich gesagt bekommen in diesen Zeiten von steigendem Rassismus viele Leute Morddrohungen, auch weiße Deutsche – Bürgermeister, Antifas, und all die couragierten Respektbürger. Bei mir war das so, dass ich nicht mehr Opfer sein wollte. Ich habe die Morddrohung als Motor benutzt, um dem ganzen Schlamassel mit Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auf den Grund zu gehen. Die Nazis hatten natürlich gehofft ich würde durch meine Angst zu Grunde gehen.

Diese Anfeindungen aufgrund Ihrer Hautfarbe begleiten Sie bereits seit langer Zeit. Wie kann man im Alltag damit umgehen ohne in bodenlose Verzweiflung und Angst zu fallen?

Schwierig! Am Anfang habe ich immer meine ganze Wohnung durchsucht. Sitzt da ein Nazi in meinem Schrank? Lauert einer im Kofferraum? Und überhaupt mein Auto hat ja überall große Fenster, da kann eine Kugel durch das Glas gehen – der Wahnsinn – Angst Tag und Nacht! Dann erkannte ich – hey, die wollen mir meine Zeit stehlen, Zeit zum Lernen, zum Wachsen, zum selbstbewusst werden. Das durfte ich nicht zulassen.

 Schon 1992 haben Advanced Chemistry „Fremd im eigenen Land“ gesungen, Textzeilen wie „Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen, nicht anerkannt, fremd im eigenen Land“ – das scheint aktuell wie eh und je zu sein, obwohl das Lied 25 Jahre alt ist, oder?

Das Gefühl kannte ich in jeder Pore. Trotzdem denke ich immer lieber an die positiven Aktionen, wie z.B. als Brothers Keeper mit Rappern D-Flame und Ade Bantu, mit Seeed, und Silbermond auf Berlins Straßen gegen eine Nazidemo zu marschieren und „Am I my Brothers Keepers“ zu singen. Es gibt so viele Menschen mit Migrationsgeschichte – niemand sollte sich fremd fühlen, sonst verliert man die Kraft, die man diesem Land schenken möchte – und die es braucht.

Sie haben sich dann ganz bewusst dafür entschieden, sich mit Rassisten und Neonazis auseinanderzusetzen. Warum, um die eigene Angst zu bekämpfen und ihr ein Gesicht zu geben?

Ich wollte wissen wie sich das anfühlt vor einem Nazi zu stehen. Würde ich zusammenbrechen? Würde ich weinen? Ich wollte Antworten „Warum hasst ihr mich? Und ich habe Antworten bekommen – allerdings war das alles ganz anders als ich es mir vorstellte.

Dann hat Sie eine Kollegin angesprochen, mit ihr im Knast ein Theaterstück mit den Gefangenen, darunter auch ein bekennender Nazi, einzustudieren. Warum die direkte Auseinandersetzung mit den Nazis?

Ich hatte ja noch nie einen Neonazi kennengelernt. Und beim dem Theaterstück im Knast wär ich geschützt und könnte ohne mulmiges Gefühl den Nazi ansprechen. Aber bis ich dort hin kam wars ein langer Weg. Abends zuvor habe ich mir „Das Schweigen der Lämmer“ angesehen – um die Angst so hoch zu treiben – damit ich vor dem Nazi nicht in Ohnmacht falle. De Fact wars beim Treffen dann anders – er konnte mir nicht mal in die Augen sehen. Da war ich baff und dachte – oh, das ist ja spannend, hier muss ich weiterforschen.

Was sehr beeindruckend und eigentlich auch beängstigend ist, ist, dass Sie immer den Kontakt zu einzelnen Rechtsradikalen gesucht haben. Warum?

Warum? Ich wollte die aus meinem Kopf rausbekommen. Und im Laufe meiner jahrelangen Recherche zum Thema Rassismus habe ich dann sehr viele Rassisten getroffen, pöbelnde Straßennazis, stotternde Nazikader, aufgeblähte rechtsextreme Burschenschafter, den KuKluxKlan und, und, und. Ich war sogar im Iran, was übersetzt heißt „Das Land der Arier“, dort hat mir eine Frau gesagt „Ich als Arierin sage, wir Menschen sind alle gleich, wir sollten zusammenhalten“ Ja, die Nazis sind ja noch nicht mal Arier! Meine Recherche war der Wahnsinn. Und alle die vielen Unglaublichkeiten sind in diesem Buch.

Wie tickt der Standard-Nazi? Wie haben die auf Sie reagiert – auf die Konfrontation sich mit einer farbigen Frau auseinandersetzen zu müssen?

Ich habe mal stundenlang inmitten 3000 Neonazis auf dem Alexanderplatz in Berlin gestanden – schon von weiten hörte ich sie grölen „Wir sind das Volk“, das war 2008. Ich wollte nur reden, aber sie sagten immerzu „die Presse lügt“. Dann haben sie mich fotografiert. Bei einer anderen Naziversammlung unter 750 Neonazis haben sie nach fünf Stunden ausharren irgendwann Selfis mit mir gemacht. Ich hab mich dann auf einer Nazi Dating Plattform undercover eingeloggt und mit Nazis geflirtet. Einer sagte „Komm in meine Wolfsschanze“

Gab es während eines Treffens mit den Rechtsradikalen positive Reaktionen auf Sie und Ihr Ansinnen?

Das schönste was ich erlebt habe war einen jungen Mann kennenzulernen, der nun aus der Naziszene ausgestiegen ist. Chris heißt er und wir sind mittlerweile Freunde. Da geht mir das Herz auf, er hats geschafft, sich aus der Wut zu befreien.

Ihre Entscheidung ein Buch zu schreiben über Ihre Erfahrungen war dann ein konsequenter Schritt?

Das Buch musste geschrieben werden. Da kamen dann all die Erfahrungen auch mit Alltagsrassismus hoch, die ich längst verdrängt hatte. Ein Rassist hatte mich mal in der Straßenbahn von einer zur andern Station gewürgt, er stieg dann am Arbeitsamt aus, das war in meiner Heimatstadt Kassel.

Was soll Ihr Buch bewirken, wen wollen Sie mit „Mo und die Arier“ erreichen?

Ich möchte zeigen wie man sich gegenüber Leuten behaupten kann, wie man aufrecht steht. Und auch seine Angst verliert. Es gibt Kräfte in ganz Europa, die wollen unsere Demokratie und Freiheit zerstören – und wir müssen wissen mit wem wir es zu tun haben. In jedem Kapitel beschreibe ich ein Treffen mit einem anderen Nazi, das schult, das macht Mut und am Ende des Buchs ist man gestärkt. Ja, ich möchte die Leute auf eine Reise mitnehmen, die sie stark macht. 

Ihr gesamtes Buch beruht auf Ihrer ganz persönlichen Sicht. Ist es nicht unglaublich schwer, sich emotional so zu öffnen, sich stellenweise auch einfach so hilflos zu präsentieren?

Aber genau das ist es doch – die Reise meiner Schwäche allen zu zeigen – und auch wie man da wieder rauskommt. Dafür war ich ganz gerne schwach, wenn meine persönliche Geschichte anderen hilft. Sonst wäre ja all der Rassismus den ich erlebt habe völlig umsonst passiert. Aber nun gebe ich der Sache Sinn.

Wenn Sie heute die PEGIDA-Märsche und die AfD-Populisten, unterwandert von rechtsradikalen Kadern, sehen, was geht da in Ihnen vor?

Ich denke an das Wort GIDA – das ist nämlich türkisch und heißt Lebensmittel. All die Pe-GIDAs, Le-GIDA, Kö-Gida, Ka-GIDA etc. benutzen ein Wort aus einem muslimischen Land was dann für die Abendspaziergänger bedeuten soll „Gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Wie peinlich ist das denn – und von denen sehr schlecht recherchiert.

Was denken Sie, wie ist es möglich, dass nach all dem, was in Deutschland passiert ist, das Menschen es wieder für legitim halten, offen Fremdenhass zu propagieren?

Bei meinen Pegida Treffen wurde ich wie in eine 30er Jahre Zeit katapultiert. Ich spürte, dass sie dort nicht als Einzelne marschieren, sondern als Rudel. Ab und zu kam dann ein böser Blick aus dem Rudelköper geflogen – immer aus der Deckung – mit dem Gefühl von „endlich bin ich wer – und Euch zeig ichs“. Der Rudelköper ist das Problem.

Das Problem scheint sich ja zu verschlimmern. Durch eine gefühlt gestiegene Akzeptanz des rechten Randes wagen sich sogar die im Internet aus der Deckung, die bisher lieber in den Stammkneipen nach dem zehnten Bier Parolen gebrüllt haben. Wie ist das zu bewerten?

Der Rudelkörper! Sie wissen nun, es gibt andere die so denken wie sie. Sarrazin hat das Fass aufgemacht. Und trotzdem – da müssen wir durch. Einfach nicht mit Gegenhass, oder Gegengewalt – auf Brutalos und Hetzer hereinfallen. Sich nicht aus der Fassung bringen lassen, wenn sie „Überfremdung“ brüllen und die Fahne der Hysterie schwenken. Es ist wichtig seine Menschlichkeit zu erhalten, mit all seiner Wärme man selbst zu bleiben – egal – vor wem man steht.

Vielen Dank für das Gespräch!